„The chair shall be yours!“
Die Schotten und der Brexit

Anja Schrieber ist Mitglied des Vereins „We Are Europe“. Während ihres Sommerurlaubs in den Highlands hatte sie beim Besuch des Eilean Donan Castles ein besonderes Europa-Erlebnis, das sie für schottland.de aufgeschrieben hat:

The chair shall be yours!
Europabegeisterung in den schottischen Highlands

von Anja Schrieber

Die Sommerferien neigen sich dem Ende zu, aus den verschiedensten Ländern kehren wir zurück nach Hause ins Alltagsleben. Doch jeder bringt wohl die eine oder andere besonders schöne Urlaubserinnerung mit, die noch lange nachhallt. Ich möchte von einem Urlaubserlebnis berichten, das mir als Mitglied von We are Europe große Freude bereitet hat.

Wir haben unseren Sommerurlaub zum ersten Mal in den schottischen Highlands verbracht, genauer gesagt am Loch Alsh, nur wenige Meilen entfernt vom Eilean Donan Castle, dem Stammsitz des Clan MacRae. Diese eindrucksvolle Burg – im 13. Jahrhundert auf einem Felsen im Loch Alsh errichtet – gelangte in unserer Zeit zu Weltruhm, nachdem hier Szenen für viele Kinohits gedreht wurden, unter anderem für „Highlander“ sowie für „Die Welt ist nicht genug“ aus der James-Bond-Reihe. Mir hingegen wird unser Besuch des Eilean Donan Castle vor allem wegen eines bewegenden „Europa-Erlebnisses“ in Erinnerung bleiben: Im Kellergewölbe der Burg trafen wir auf eine größere niederländische Reisegruppe, die sich um einen Castle Guide scharrte.

Der Guide – ein älterer Herr – sah in seinem traditionellen Kilt mit dem dezent eleganten Tartan (Schottenmuster) der MacRaes wirklich stattlich aus. Dass die schottischen Männer in ihren karierten Röcken überhaupt nicht lächerlich wirken, liegt wohl daran, dass sie diese von Kindheit an tragen – und daher eben auch mit der erforderlichen Souveränität.
Dieser Guide berichtete der Gruppe von der wechselvollen Geschichte der Burg, in der die Engländer eine eher unrühmliche Rolle spielten: Während der Jakobiten-Aufstände eroberten sie im Sommer 1719 die Burg, entdeckten die dort versteckten Schwarzpulver-Vorräte (300 Fässer!) und jagten damit das gesamte Bauwerk in die Luft. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm der damalige Clanchief John MacRae den originalgetreuen Wiederaufbau in Angriff.

Eilean Donan Castle, Schottland

Eilean Donan Castle, Schottland

„Die Beziehungen zwischen England und Schottland waren eben nie ganz einfach“, so das Fazit des Guides. „Wir hatten nur allzu oft unterschiedliche Interessen und Vorstellungen.“ Mit einem Seufzen fügte er hinzu: „Und in diesem Sommer hat sich dies erneut bestätigt.“ Nach einem Blick in die mitfühlenden Gesichter seiner Zuhörer hob der Guide zu einem Appell an: „Bitte richten Sie Ihren Europa-Repräsentanten aus: Der Stuhl, der irgendwann demnächst durch den Brexit am europäischen Tisch frei wird, soll nicht weggerückt werden. Diesen Platz wollen wir Schotten einnehmen, für uns und unsere Kinder. Sollen die Engländer machen, was sie wollen. We want to stay in the EU as a reliable member!“

Der Applaus für diese spontane politische Willensbekundung, für dieses inbrünstige Bekenntnis zu Europa, war riesig. Wäre es nicht großartig, wenn wir diesem ebenso traditionsbewussten wie zukunftsorientierten Clansman versichern könnten: „Yes Sir, we’ll reservate this chair for you, the Scottish people.“

P.S.: Wir haben in den Highlands überraschend viele Touristen aus Spanien, Italien, Frankreich und den Benelux-Ländern angetroffen. Fast scheint es so, als würden sich die Europäer mit den Füßen für den Verbleib Schottlands in der EU stark machen.